365 Tage
oder
wie entsteht eigentlich ein Ballett?
365 Tage, so lange dauert es, bis aus einer Idee wieder ein Bühnenmärchen wird.
Die kurze Antwort auf die Frage, wie ein Ballett entsteht, lautet:
Mit viel Leidenschaft, etwas Wahnsinn und einer erstaunlichen Menge Optimismus.
Dazwischen liegen unzählige Tanzschritte, noch mehr Ideen, eine erstaunliche Anzahl ungeplanter Überraschungen – und mindestens doppelt so viele kleine Nervenzusammenbrüche.
Die lange Antwort beginnt meistens mit einer Idee.
Am Anfang einer neuen Produktion sitze ich voller Energie und Tatendrang da und denke:
„Dieses Mal wird alles ganz entspannt. Es kommt nichts Ungeplantes dazwischen und niemand wird krank!“
Wenige Monate später frage ich mich dann, warum ich jemals geglaubt habe, dass das möglich wäre.
Der erste Schritt ist die Musikauswahl. Das klingt zunächst einfach. Ist es aber nicht.
Denn plötzlich hört man ein Musikstück und denkt: „Perfekt!“ Drei Tage später hört man ein anderes und denkt: „Nein, das hier ist perfekt!“ Eine Woche später entdeckt man ein drittes – und beginnt wieder von vorne.
Währenddessen entsteht im Kopf bereits die erste Choreographie. Noch bevor ein einziger Schritt getanzt wurde, tanzen die Bilder schon durch die Gedanken.
Dann beginnt die eigentliche Arbeit.
Schritt für Schritt entstehen die Tänze. Eine Gruppe bekommt ihre Choreographie. Dann die nächste. Dann die nächste. Manche Bewegungen funktionieren sofort. Andere sehen in der Theorie großartig aus und in der Praxis eher so, als hätte man versehentlich eine Verkehrssituation auf der Bühne choreographiert.
Also wird verändert, angepasst und optimiert.
Manchmal wird eine Passage fünfmal umgestellt.
Manchmal zehnmal.
Und manchmal landet sogar eine komplette Choreographie wieder im Papierkorb, weil sich die Standorte der Kulissen aufgrund der Umbauzeiten kurzfristig geändert haben.
Parallel dazu entwickeln sich die Kostüme.
Zunächst gibt es nur eine Idee im Kopf.
Dann kommen die ersten Stoffe.
Die ersten Muster.
Die ersten fertigen Teile.
Und irgendwann liegen plötzlich überall Glitzer, Bänder, Tüll, Sicherheitsnadeln und Stoffproben herum. Niemand weiß genau, wie das passieren konnte. Es gehört vermutlich einfach zum Prozess.
Und natürlich wäre keine Produktion komplett ohne die kleinen Überraschungen des Theateralltags. Da hat der wunderschöne Stoffballen nach zehn Metern plötzlich mitten im Stoff ein riesiges Loch oder einen Webfehler. Der Kulissentransport findet selbstverständlich genau dann statt, wenn es in Strömen regnet. Requisiten verschwinden wie von Zauberhand, Sicherheitsnadeln führen ein Eigenleben und kurz vor der Generalprobe hat garantiert noch jemand eine „geniale“ neue Idee – in der Regel bin ich das selbst … und es tut mir wirklich leid für alle Beteiligten. 😊
Währenddessen wachsen nicht nur die Tänze, sondern auch die Kinder.
Aus vorsichtigen ersten Schritten werden sichere Bewegungen.
Aus kleinen Unsicherheiten entsteht Selbstvertrauen.
Aus einzelnen Tänzerinnen und Tänzern wird langsam ein Ensemble.
Und genau das ist einer der schönsten Teile einer Produktion. Man erlebt mit, wie Kinder über sich hinauswachsen und lernen, durchzuhalten.
Natürlich läuft dabei nicht immer alles nach Plan.
Krankheiten kommen dazwischen. Musiken müssen kurzfristig geändert oder ergänzt werden. Kostüme müssen noch einmal angepasst werden. Und manchmal entwickelt sich eine Szene ganz spontan viel besser als ursprünglich gedacht.
Man lernt schnell, flexibel zu bleiben.
Und man lernt, dass Perfektion meistens nicht entsteht, weil alles nach Plan läuft, sondern weil man immer wieder neue Lösungen findet.
Je näher die Aufführung rückt, desto interessanter wird außerdem die Bedeutung des Begriffs „letzte Minute“.
Diese letzte Minute beginnt ungefähr sechs Wochen vor der Premiere und endet erst nach der zweiten Vorstellung.
In dieser Zeit erledigt man gefühlt zehn Dinge gleichzeitig und sehnt sich gelegentlich nach einem zehnjährigen Karibikurlaub.
Doch dann wird monatelange Arbeit plötzlich lebendig und am Ende fügt sich alles zusammen.
Und genau in diesem Moment, wenn sich der Vorhang hebt, weiß man wieder, warum man all das macht.
Denn am Ende stellt man fest, dass nicht nur das Stück gewachsen ist, sondern alle, die daran beteiligt waren.
In diesem Sinne husche ich jetzt wieder an die Arbeit denn auch der Nussknacker will und muss noch wachsen.
Fühlt euch gedrückt,
Eure Jasmin







