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Unsere Zahl des Monats: 90
 

90 Jahre Leben.
80 Jahre Tanz.
60 Jahre Ballettschule.
10 Jahre auf den großen Bühnen Deutschlands.

 

Manchmal erzählen Zahlen eine ganze Lebensgeschichte.

Am 8. September feierte meine Mutter ihren 90. Geburtstag.
 

Wenn ich diese Zahl lese, muss ich selbst einen Moment innehalten. Denn hinter diesen neun Jahrzehnten verbirgt sich weit mehr als ein Geburtstag. Es ist die Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens, eines Lebens voller Tanz, Musik, Mut und unermüdlicher Leidenschaft.


Geboren in Stettin, wurde sie im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie vom eigenen Anwesen in Wussow bei Stettin in den Wirren des zweiten Weltkrieges vertrieben. Es folgten drei Monate Flucht, bis die Familie schließlich in Ober-Eschbach ein neues Zuhause und den Ort für einen Neuanfang fand.


Mit gerade einmal zehn Jahren begann sie selbst Ballett zu tanzen. Aus der Begeisterung eines kleinen Mädchens wurde eine lebenslange Berufung – eine Leidenschaft, die sie nie mehr losließ und die uns alle bis heute begleitet.
 

Seit nunmehr 80 Jahren widmet sie ihr Leben der Kunst des klassischen Balletts.

Ihre Ausbildung absolvierte sie an der renommierten Helken-Schule in Frankfurt am Main. Ihr Lehrer Hans Helken war Tanzpartner der legendären Anna Pawlowa und später Leiter der Städtischen Bühnen in Frankfurt. Dort erhielt sie eine Ausbildung auf höchstem Niveau, geprägt von Disziplin, Musikalität und der großen Tradition des klassischen Bühnentanzes.


Es folgten zehn Jahre auf den Bühnen Deutschlands.


Sie tanzte an den Theatern in Würzburg, Regensburg und München. Während ihrer Zeit am Theater Regensburg absolvierte sie zusätzlich ihre pädagogische Ausbildung zur Bühnenmeisterin und Ausbilderin für Bühnentanz, eine Ausbildung, die später Generationen von Schülerinnen und Schülern zugutekommen sollte.

Auch bei den Bayreuther Festspielen wirkte sie mit und begegnete zahlreichen Künstlern, die heute längst Theatergeschichte geschrieben haben.

Sie lernte Persönlichkeiten wie Franz Josef Strauß, Klaus Kinski, Klaus Jürgen Wussow, Nadja Tiller, Walter Giller und Ivan Rebroff kennen. Sie erzählte vom Alltag hinter den Kulissen, von endlosen Proben, großen Premieren und von Begegnungen mit dem Fürsten von Thurn und Taxis auf Schloss St. Emmeram in Regensburg.

Doch so spannend diese Jahre auch waren, sie sollten nicht der Höhepunkt ihres Lebens werden.

Der größte Schritt stand ihr noch bevor.

Nach zehn erfolgreichen Theaterjahren führte sie ihr Weg zurück nach Ober-Eschbach. Doch die Ballettschuhe wurden nicht an den Nagel gehängt … ganz im Gegenteil. 

Auf Wunsch von Pfarrer Krause eröffnete sie am 3. November 1966 ihre eigene Ballettschule.

Damals war Ober-Eschbach noch eine eigenständige Gemeinde im Landkreis Friedberg mit einem eigenen Bürgermeister, Herrn Albin Göhring.

Heute wirkt diese Entscheidung selbstverständlich.

Damals war sie es keineswegs.


Die 1960er-Jahre waren eine Zeit, in der Frauen oft noch ganz andere Erwartungen erfüllen sollten als ihre beruflichen Träume. Von echter Gleichberechtigung war Deutschland noch ein gutes Stück entfernt. Erst Jahre später wurde das Ehe- und Familienrecht grundlegend reformiert und Frauen erhielten deutlich mehr rechtliche Selbstbestimmung.

Und genau in dieser Zeit gründete eine junge, unverheiratete Bühnentänzerin ihre eigene Ballettschule.

 

Mit Mut, Fleiß und einer klaren Vision schuf sie sich ihren eigenen beruflichen Weg. Nicht, weil es einfach war. Sondern weil sie fest daran glaubte, dass Kinder die Schönheit der klassischen Musik und des Balletts erleben sollten.

Rückblickend war sie ihrer Zeit voraus.

Ohne große Worte wurde sie für viele Mädchen und junge Frauen zu einem Vorbild. Sie zeigte, dass man seinen eigenen Weg gehen darf, dass Leidenschaft ein Beruf werden kann und Träume Wirklichkeit werden können, wenn man bereit ist, mit Ausdauer, Disziplin und Mut dafür zu arbeiten.


Was damals mit wenigen Kindern im Gemeindesaal der Kirche Zur Himmelspforte begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer festen Institution in Ober-Eschbach.

Nach den ersten kleinen Aufführungen folgte bereits 1970 die erste große Vorstellung im Kurhaus Bad Homburg.

1972 erfüllte sich schließlich ein weiterer Traum.

Die Ballettschule zog in ihre eigenen Räumlichkeiten im Langwiesenweg 15a.

Seitdem ist sie aus Ober-Eschbach und Bad Homburg nicht mehr wegzudenken.

Doch vielleicht sind all diese Meilensteine gar nicht ihr größtes Vermächtnis.

 

Nicht die Theater.

Nicht die großen Bühnen.

Nicht die Begegnungen mit berühmten Künstlern.

Ihr wahres Lebenswerk sind die Menschen.

 

Seit 1966 haben Generationen von Kindern und Jugendlichen den Weg in ihre Ballettschule gefunden.

Viele kamen als schüchterne Vierjährige zum ersten Mal durch die Tür. Manche hielten sich anfangs noch an Mamas Hand fest, andere trauten sich kaum, den ersten Schritt zu machen.

Wenige Jahre später standen dieselben Kinder mit leuchtenden Augen auf der Bühne.

Über sechs Jahrzehnte hat meine Mutter weit mehr vermittelt als Tanzschritte.

Sie hat Kindern beigebracht, an sich selbst zu glauben.

Sie hat ihnen gezeigt, dass Disziplin, Höflichkeit, Respekt und Fleiß keine Gegensätze zur Freude sind, sondern der Schlüssel dazu, die eigenen Ziele zu erreichen.

Sie hat sie gelehrt, Rückschläge auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen, füreinander einzustehen und niemals aufzugeben.

Sie hat Generationen von Kindern nicht nur aufgerichtet, sondern ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Haltung vermittelt – körperlich und menschlich.

Viele ihrer ehemaligen Schülerinnen und Schüler sind heute selbst Eltern oder sogar Großeltern.

Und genau das ist wohl eines der schönsten Geschenke, die eine Lehrerin erhalten kann.

Heute bringen manche ihre eigenen Kinder oder Enkelkinder in dieselbe Ballettschule, in der sie einst selbst ihre ersten Schritte getanzt haben.

Vier Generationen einer Familie stehen manchmal an derselben Ballettstange.

Urgroßmutter.

Großmutter.

Mutter.

Tochter.

 

Was für ein wunderbares Zeichen dafür, dass Werte weitergegeben werden können.

Denn Ballettunterricht endet nicht mit einer Aufführung.

Was bleibt, ist oft etwas viel Wertvolleres.

In aufrechter Haltung durchs Leben gehen und die Erfahrung, dass Geduld, Fleiß und Übung aus kleinen Schritten große Erfolge entstehen lassen.

Ein Vermächtnis entsteht nicht an einem einzigen Tag.

Es wächst leise.

Unterrichtsstunde für Unterrichtsstunde.

Jahr für Jahr.

Generation für Generation.

 

Heute, sechzig Jahre nach der Gründung der Ballettschule, lebt dieses Vermächtnis weiter.

In jedem Kind, das mit leuchtenden Augen tanzt.

In jeder ehemaligen Schülerin und jedem ehemaligen Schüler, die noch heute mit einem Lächeln an ihre Ballettzeit zurückdenken.

 

Und in jeder neuen Generation, die ihre ersten Schritte an der Ballettstange macht.

Ein Lebenswerk misst man nicht in Urkunden oder Auszeichnungen.

Man misst es an den Menschen, die dadurch ihren Weg gefunden haben.

Liebe Mama,

90 Jahre sind ein Geschenk.

80 Jahre Liebe zum Tanz sind außergewöhnlich.

60 Jahre Ballettschule sind ein Vermächtnis.

Aber das größte Geschenk bist Du selbst.

Danke, dass Du den Mut hattest, Deinen Traum zu leben.

Danke, dass Du Generationen von Kindern nicht nur das Tanzen, sondern auch Selbstvertrauen, Disziplin, Verantwortung und Freude an der Kunst geschenkt hast.

Und danke, dass Deine Liebe zum Ballett bis heute in so vielen Menschen weiterlebt.

Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag.

 

In Liebe und voller Dankbarkeit.

Deine Jasmin ❤️

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